Stetind, der Nationalberg Norwegens
Der Stetind fordert seinen Tribut. Trotzdem ist es die beste Tour des gesamten Urlaubs.

Stetind

Schnelle Entscheidung

16.08.2019 - Gut gelaunt kommen wir von unserer Klettertour zurück auf den Parkplatz, wo sich Karen und Marius gerade einen Snack gönnen. Wehmütig sehen wir uns den Wetterbericht für die kommenden sieben Tage an. Nach einer regnerischen Nacht scheint der folgende Tag, der Einzige zu sein, an welchem wir noch klettern können. Das heißt, die Abreise von den Lofoten steht bevor.

Sigi: Ich wäre noch so gerne die Storpillaren (N7, UK: E5 6a, 16 SL, Top 50) gegangen, aber die will einfach keiner mit mir klettern. Hast du noch etwas auf deiner Liste, was du gerne gehen würdest?

Barbara: Von meiner Seite aus, haben wir alles erledigt bis auf eine Tour auf dem Stetind. Da gibt es ein oder zwei Touren, welche echt genial ausgesehen haben.

Sigi: Wie lange? Gehen sich die morgen aus, bevor es anfängt zu regnen?

Barbara: Unterschiedlich lange und schwer. Kommt darauf an wie schnell wir sind, ob wir es schaffen.

Sigi: Welche hast du dir ausgesucht?

Barbara: Ich habe mir die Vestveggen/Vesteggen (N6+/N6, UK: E3 5c, 8 SL/6 SL, Top 50) und die Sydpilaren (N6-, UK: E1 5b, 13 SL, Top 50) angesehen.

Sigi: Die Vestveggen/Vesteggen sieht interessant aus.

Barbara: Knappes Zeitfenster, aber entweder wir gehen sie morgen oder gar nicht mehr in diesem Urlaub.

Sigi: Dann müssen wir gleich losfahren und später essen. An Karen und Marius gewendet: Wollt ihr euch anschließen?

(Anmerkung: Diese Unterhaltung wurde in Englisch geführt, damit Karen und Marius mithören konnten.)

Zu unserer Freude überlegen Karen und Marius nicht lange. Kurz entschlossen, brechen wir zu viert zum Stetind auf. Karen und Marius fahren voraus, da sie bereits die Sydpilaren auf dem Stetind gegangen sind und wissen wie wir am besten dort hinkommen. Während der Fahrt fängt es an zu regnen. Als wir auf dem Parkplatz beim Stetind am späten Abend ankommen schüttet es. Allen ist etwas mulmig zumute, ob es in der Nacht aufhört zu regnen und genug auftrocknet. Wir beschließen um spätestens 5 Uhr loszumarschieren und die finale Entscheidung beim Einstieg zu treffen. Pünktlich um Mitternacht hört es auf zu regnen und ein starker Wind setzt ein. Der Stetind taucht aus dem Nebel auf.

Stetind

Stetind taucht aus dem Nebel auf

Barbara: Das war eine Schnapsidee von mir. Auf was habe ich mich da bloß eingelassen!?

Unwissenheit beruhigt

Was Barbara zu diesem Zeitpunkt (zum Glück) noch nicht wusste:

  • Der Stetind wurde 2002 zum Nationalberg Norwegens ernannt.
  • Der Stetind ist 1392 m hoch und gilt als höchster Granit-Obelisk der Erde.
  • Seine Begehung erfordert sogar auf dem Normalweg das Überwinden von Kletterpassagen im Grad N4+.
  • Die Begehung der Vestveggen/Vesteggen ist ein Ziel von vielen Kletterern in Norwegen, aber die meisten davon müssen sich mit der Sydpilaren begnügen und brauchen bereits für diese Tour um die 20 Stunden.

Begehung des Stetind

17.08.2019 - Um 04:00 Uhr klingelt der Wecker. Frühstücken, 6 Müsliriegel und 2 Wasserflaschen einpacken, die am Vorabend gepackten Rucksäcke kontrollieren und los geht es. Der Zustieg geht sehr schnell, weil Karen und Marius den Weg kennen. Am Einstieg weht ein eisiger Wind, aber der Fels sieht trocken genug zum Klettern aus. Wir machen uns alle fertig für den Einstieg in die Tour. Karen und ich gehen auf Nummer sicher und ziehen uns zusätzlich noch lange Unterhosen an. Sigi und ich steigen zuerst in die Tour ein, da wir die Routenfindung übernehmen werden.

Die erste Seillänge ist an manchen Stellen noch feucht und rutschig. Dementsprechend vorsichtig müssen wir klettern. Die restlichen Seillängen der Vestveggen hat der Wind relativ gut ausgetrocknet. Allerdings weht der Wind noch immer stark und bringt die kalte Luft von den Schneefeldern zu uns. Da wir im Schatten klettern, ist uns beim Sichern und Zusammenwarten an den Ständen ziemlich kalt. Auf Grund der eiskalten Finger fällt Sigi in einer Seillänge sein Bund mit Klemmkeilen hinunter. Karen sucht sofort alle Klemmkeile zusammen, welche sie doppelt hat und gibt sie mir mit. Kurz vor der schwersten Seillänge mache ich ein Foto von Sigi. Das Handy stecke ich danach sofort wieder in meine Tasche. Leider schließe ich diese nicht vollständig und die nächste starke Windböe weht mir dieses heraus. Blöder Anfängerfehler. Ich sehe noch wie der Wind das Handy und meine Fotos von den Lofoten davonträgt. Das kommt davon, wenn man nur alle paar Tage ein Back-up macht.

Die schwierigste Seillänge, der Gang über den sogenannten Devil’s Dance Floor, ist zwar diffizil und oben kräftig, aber schön zu klettern. Allerdings sind die Routenbeschreibung und die eingezeichnete Route etwas irreführend. An dieser Stelle sind die Fotos von der Route sehr hilfreich. Außerdem muss der Vorsteiger darauf achten, wo er die erste Zwischensicherung setzt. Diese sollte nicht zu weit unten platziert werden, um den Nachsteiger nicht zu gefährden.

Den Grat zwischen Vestveggen und Vesteggen gehen wir am laufenden Seil und in den Zustiegsschuhen. Wir sind dadurch zwar etwas langsamer, aber da es an manchen Stellen noch nass und der Wind ziemlich stark ist, wollen wir kein Risiko eingehen.

Die Vesteggen beginnt mit der Schlüsselstelle, einem weiten und anhaltenden Riss. Sigi klettert fast die ganze Seillänge frei, da ihm das nötige Material (große Klemmgeräte) fehlt um Zwischensicherungen zu setzen. Da ihm die Erfahrung mit Rissen fehlt und der Riss nicht ganz ausgetrocknet ist, ist das für ihn mental sehr fordernd. Für mich hat der Riss eine unangenehme Weite: Während Marius einen Faustklemmer machen kann, muss ich meinen ganzen Arm hineinschieben. Die leichteren Seillängen empfinden wir als schwerer als angegeben. Vielleicht auch deshalb, weil der Fels ziemlich feucht und rutschig ist. Bei mir könnte es auch daran liegen, dass die Haut auf vier Fingern bereits durch ist und ich diese dick mit Tape umwickeln muss, weil diese ständig wieder anfangen zu bluten. Die N6- Seillänge fordert uns besonders, da diese in unserem Kletterführer falsch eingezeichnet und nicht ausreichend beschrieben ist. Zum Glück sind Karen und Marius mit uns unterwegs. Sie haben einen anderen Kletterführer vom Stetind dabei, welcher die Routenführung detaillierter darstellt und beschreibt. Trotzdem ist diese Seillänge mental heftig: Der Fels ist rutschig, Sigi kann sie nicht richtig absichern und ich habe mit dem Tape keine Reibung beim Aufleger in der Schlüsselstelle. Glücklich und heilfroh erreichen wir den Gipfel. Dort bläst uns zwar ein starker Wind um die Ohren, aber der Ausblick ist dafür umso beeindruckender. Am Gipfel freuen wir uns alle gemeinsam über die erfolgreiche Begehung.

Beim Abstieg übernehmen Karen und Marius wieder die Führung. Trotzdem ist der Normalweg über den Grat zum nächsten Gipfel, dem Halls fortopp (1304 m), nicht zu unterschätzen, insbesondere mit den Windböen, da dieser sehr ausgesetzt ist. Nach einmal abseilen und ein paar leichteren Kletterstellen geht es zügig bergab. Sigi und ich biegen noch mal zum Wandfuß ab, um unsere Klemmkeile und mein Handy zu suchen. Die Klemmkeile finden wir schnell, aber vom Handy können wir auch nach langer Suche nur mehr Einzelteile wie den Akku und das Display bergen (und entsorgen).

Nach 20 Stunden sitzen wir kurz nach Mitternacht wieder in unserem Elmo. Karen und Marius sind gute 2 Stunden vor uns am Parkplatz angekommen, aber dafür haben wir unsere Klemmkeile wieder.

Realisieren

18.08.2019 - Karen und Marius begrüßen uns mit einem Lächeln im Gesicht. Wir sind alle noch müde, aber die Freude über die Vestveggen/Vesteggen überwiegt. Die beiden hatten die Hoffnung schon aufgegeben die Tour noch in dieser Saison machen zu können. Die spontane Entscheidung die Tour gemeinsam in zwei Seilschaften zu machen, war für uns alle vorteilhaft. Ansonsten hätten wir viel länger gebraucht und das regenfreie Zeitfenster wäre zu kurz gewesen. Außerdem ist es für die Nerven ganz gut, zu wissen, dass eine zweite Seilschaft dabei ist, welche einem im Notfall helfen kann.

Ich persönlich registriere erst im Laufe des Tages, welche Wahnsinnstour mit fast 1.000 Klettermetern wir in einer tollen Zeit geschafft haben.

Standplatz: N 68.168097, E 14.224332

Erkenntnisse

  • Trotz Training verlangt einem so eine Tour so einiges ab, insbesondere die Gelenke schmerzen durch das Gehen mit den schweren Rucksäcken.
  • Wir klettern gerne mit leichtem Gepäck und sind mit vier Müsliriegeln und zwei Wasserflaschen ausgekommen, aber nächstes Mal nehmen wir mehr wärmere Kleidung mit.
  • Die Stirnlampe muss vor dem Weggehen kontrolliert werden. Meine war anscheinend nicht im Lock-Modus und hat sich über Nacht im Rucksack entladen. Dadurch mussten wir uns auf dem Rückweg in völliger Dunkelheit eine teilen, dies war nicht ungefährlich.
  • Alter schützt vor Torheit nicht. Hin und wieder passiert einem selbst, wovor man andere warnt.
Verfasst von Barbara